das lächeln, jeden morgen

Das Lächeln jeden Morgen, zeitungsverkäufer, tageszeitung, strasse, stadt, das kleine glück. nachrichten, weltgeschehen, katastrophen, leid, kurzprosa, foto

jeden morgen grüßt mich der zeitungsverkäufer auf der straße, jeden morgen dasselbe lächeln, als nähme er es aus seinen träumen mit, so warm kommt es rüber. jeden morgen dieselbe hose und jacke, auch seine schuhe kennen schon jede ritze des asphalts, dort, wo er immer steht, ein paar schritte nach vorn und wieder zurück, sein arbeitsplatz ist ein fleckchen erde auf der straße. jeden morgen dieselbe abgegriffene tasche voller frischgedruckte zeitungen, auf seinem druckerschwarzen daumen klebt sein unermüdliches lächeln, als er mir eine zeitung überreicht, es wandert in das weltgeschehen hinein; unsichtbar begleitet es mich vom titelblatt bis zur letzten seite. sein lächeln inmitten von katastrophen, unruhen und leid, oft ist dies das einzige glücksgefühl, das nach dem lesen der zeitung bleibt.

 

©Sella Moll /2019

Foto © Allan Harris / flickr.com

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standby im vakuum

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ich warte auf den zug, stehe herum und blicke in die zukunft, wo mein zug noch nicht einmal schemenhaft zu erkennen ist; die ewige verspätung raubt mir wertvolle lebenszeit, schmälert meine zukunft, weil das warten wie ein schweben in der leere ist; keinen schritt nach vorn auch nicht zurück, es ist ein vakuum, ein raum ohne atemluft. in der wartezeit blüht die wut, die kleinsten triebe erwachen zum leben, die unter anderen umständen, wenn man nicht warten muss, niemals die chance haben aufzublühen, so nichtssagend und unbedeutend sind sie. aber jetzt nervt einfach alles, auch die menschen und das wetter, weil die kälte den frühling immer noch am hals würgt und ihn nicht loslassen will und mit schneefall im mai bestraft — es ist einfach zum heulen und zum ärgern dieses jämmerliche wetter. und die menschen, auch nervös und ungeduldig wartend, mit den blicken in dieselbe richtung starrend, in den nebel der zukunft, wo der zug herkommen sollte aber nicht kommt, immer noch nicht kommt und kein mensch weiß, was wieder passiert sein mag, stromausfall, unfall oder unwetter oder einer, der sich vor dem zug geworfen hat und nun die zeit und das leben anderer anhält, auf ein echoloses standby schaltet — vielleicht als genugtuung für das eigene leid.

nach einer stunde verspätung fährt der zug ein, die menschen stürmen zu den türen, nichts wie hinein, um endlich zu hause, in ihrer einsamkeit oder im kreis ihrer familie zu sein, für ein paar stunden noch bevor aus der nacht wieder morgen wird, damit sich das rad unaufhaltsam weiterdreht, bis zum bitteren ende oder bis es nicht mehr geht und man aus dem immer schneller drehenden rad rausfliegt, irgendwo landet, wo nichts mehr so ist wie es einmal gewesen ist, wo es nur dunkel oder alles voll licht ist. aber genau das weiß man eben nicht und bis dahin geht das mit dem warten weiter; warten auf den zug, warten auf die liebe, warten auf das glück, auf jemanden, der mit einem wartet, solange das leben in ihm selbst und in dem anderen atmet und sie gemeinsame, schöne augenblicke zu zweit für die ewigkeit sammeln …

 

©Sella Moll /2019

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lebenselixier

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des alltags eintönige lieder summen in meine ohren, sie klingen alle gleich öde — du musst dies und jenes noch machen, hast du das hier schon erledigt — fragen sie mich ständig. die pflichten, sie zwicken und hetzen, als hätte man sonst nichts im leben; worte und sätze, die man noch schreiben wollte, buchstabenfilme, gedichte, für die fehlen noch worte muss ich auch noch suchen, zu den wolken hinaufschauen, dort sitzen sie gern und hängen bloß rum. ich muss sie zu mir rufen damit ich meine tägliche dosis von worten einatmen, noch etwas schreiben und den tag mit freude beenden kann; ein tag ohne worte geschrieben und gelesen zu haben ist nicht mein leben, ohne worte, ohne schreiben kann ich nicht sein — sie sind mein lebenselixier.

 

©Sella Moll /2019

Foto: eigene Kreation 😊 (Bildvorlage: pexels.com)

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zwischen traum und realität

lichtloses labyrinth, träume, wünsche, graue realität, das leben, realitätsflucht, die zeit, unzufriedenheit, grauer alltag, karte, design, grafik, visuelle lyrikzwischen traum und realität klafft ein tiefer graben, für die brücke findet man keinen stein, auch kein holz. im traum ist es hell, die realität ist grau, im graben knistert das dunkel, als tummelten sich giftige schlangen in seinem rachen, wer da hineinfällt kommt nicht mehr raus, ich bleibe lieber im traum und lasse die Zeit das grau vor mir schieben die realität bleibt wie sie ist, ein lichtloses labyrinth … ©Sella Moll

unsichtbarkeit

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diese menschen hinter fremden fenstern so fern und mir gegenüber, ich sehe sie nie, sie öffnen ihre fenster nicht, lehnen sich nicht in die welt hinaus, atmen und leben wie eingemauert hinter den fassaden. auch ihre gedanken kreisen im eingesperrtsein, stößen sich an ihren wänden ab; sie sprechen nicht oder nur ohne laut, sie finden ihre stimme, die für sie spräche, nicht. die gardinen bewegen sich nie, hängen vor den fenstern wie gespensterlaken in ihrem weißen schimmern nicht von dieser welt. die hier wohnen, kommen aus der vergangenheit und kehren irgendwann dorthin zurück, aus ihrem leben hier nehmen sie nichts mit, nur ihre unsichtbarkeit retten sie noch. niemand weiß, ob sie je hier gewesen sind, diese menschen hinter fremden fenstern, die man nie sieht. sie lehnen sich nie in die welt hinaus, vielleicht hatten sie in einem anderen leben schon genug gesehen …

 

©Sella Moll /2019

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achtlos

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auch wenn im winter
die tage kürzer
die nächte länger werden,
die anzahl der stunden bleibt
immer gleich
wir versäumen nichts

höchstens einen augenblick
dem wir achtlos begegnen
der wie ein kurzer
wimpernschlag
doch so vieles oder alles
verändern kann …

 

©Sella Moll /2019

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